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LWL-Universitätsklinikum der Ruhr-Universität Bochum

Ohne Zwang! – Betroffene, Angehörige und Experten mit Neuestem in Forschung und Behandlung von Zwangsstörungen

Ohne Zwang! – Betroffene, Angehörige und Experten mit Neuestem in Forschung und Behandlung von Zwangsstörungen

Blick in Hörsaal mit Tagungsmotto (Foto: J. Schriek)

LWL-Universitätsklinikum Bochum ist Gastgeber der 23. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft Zwangserkrankungen e.V.

Bochum (lwl). Zwanghafte Verhaltensweisen werden in der Gesellschaft oft belächelt. Betroffene gelten als verschroben, ihr Verhalten als bizarr. Dabei verbirgt sich hinter den häufigen Reinigungs- oder den wiederholten Kontrollhandlungen eine ernst zu nehmende psychische Störung, von der drei Prozent der Bevölkerung betroffen sind und die häufig in aller Heimlichkeit gelebt wird. Vor über 20 Jahren wurde die Deutsche Gesellschaft Zwangserkrankungen e.V. (DGZ) mit Sitz in Hamburg ins Leben gerufen, um die Erkrankung öffentlich zu machen. Seitdem geben hier Betroffene und Angehörige, Ärzte, Psychotherapeuten und Wissenschaftler als Experten und im Trialog ihr Wissen und ihre Erfahrungen an Betroffene und Behandler weiter. Am 8. und 9. November 2019 treffen sie sich auf Einladung der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Präventivmedizin des LWL-Universitätsklinikums Bochum zur 23. Jahrestagung. Thema: Zwangsstörungen im Kontext anderer psychischer Erkrankungen – Diagnostische Besonderheiten und therapeutische Herausforderungen.

„Menschen mit einer Zwangsstörung quälen sich oft viele Jahre mit ihren Ängsten und den Symptomen herum, bevor sie sich helfen lassen“, erklärt Prof. Dr. Georg Juckel, Ärztlicher Direktor des LWL-Universitätsklinikums Bochum. „Aus Scham spielt sie sich im Verborgenen ab. Doch ohne Therapie ist eine Besserung der Symptome nicht möglich.“ Ein erster Schritt ist daher der Weg aus der Isolation: Die Patienten müssen ihr Problem erkennen und bereit sein, sich mit Hilfe eines Therapeuten von ihren Zwängen zu lösen. Dies wiederum verlangt von dem Erkrankten einiges ab. Da die zwang- und kontrollhaften Mechanismen der Erkrankung sehr viel Zeit in Anspruch nehmen und Alltagsaktivitäten behindern, sind die Betroffenen kaum in der Lage, ein normales Leben zu führen und aus dem Haus zu gehen. Hier setzt die Deutsche Gesellschaft Zwangserkrankungen e.V. an, die das Problem erkannt und das Internet zu einem wichtigen Kommunikationskanal erklärt hat. Dipl.-Psychologe Thomas Hillebrand, Vorstandsmitglied der DGZ, führt aus: „Auf unserer Homepage unter www.zwaenge.de finden Betroffene und Angehörige umfangreiche Informationen rund um die Erkrankung und ihre Behandlung. Aber auch Ärzte und Therapeuten rufen die Seite regelmäßig ab, um sich über Weiterbildungs- und Literaturangebote zu informieren oder auch, um sich als Experten registrieren zu lassen.“ Denn Ärzte und Psychologen, die sich mit dem Krankheitsbild der Zwangsstörung auskennen, werden dringend gesucht. Prof. Georg Juckel: „Wenn die Betroffenen es geschafft haben, sich ihrer Krankheit zu stellen, müssen sie erst einmal einen Therapeuten finden, der Erfahrungen bei der Diagnose und Behandlung von Zwangsstörungen hat. Leider gibt es deutschlandweit nur wenige spezialisierte Kolleginnen und Kollegen.“

Zwangsstörungen lassen sich mittlerweile sehr gut therapieren. 70 Prozent der Betroffenen kann mit einer Kombination von Medikamenten und Verhaltenstherapie sehr gut geholfen werden. In der Bochumer Universitätsklinik beinhaltet das ambulante und stationäre Beratungs- und Behandlungsangebot eine Spezialsprechstunde, eine achtsamkeitsbasierte kognitive Gruppentherapie, psychotherapeutische Einzelgespräche und eine Selbsthilfegruppe. „Als Behandlungsmethode hat sich die Gruppentherapie bewährt, die wir in den zurückliegenden Jahren im Rahmen eines Forschungsprojekts erfolgreich erprobt haben“, so der Bochumer Wissenschaftler. Die Therapie ist in ein achtwöchiges Gruppenprogramm mit maximal fünf bis sechs Teilnehmenden eingebettet. Mit Hilfe von Achtsamkeitsübungen lernen die Patienten hier, sich von störenden Gedankenschleifen und Zwangsgedanken zu distanzieren, mit Emotionen besser umzugehen und ihren Körper bewusster wahrzunehmen. Interessierte können nachwievor an dieser Studie teilnehmen.

Auf der 23. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft Zwangserkrankungen e.V. werden neben dieser Studie neueste Entwicklungen der Forschung und Behandlung der Zwangsstörung in Vorträgen und Symposien vorgestellt. In weiteren Vorträgen werden komorbide Störungen wie Depressionen, Psychosen oder auch Abhängigkeitserkrankungen in Verbindung mit einer Zwangsstörung thematisiert und in Workshops vertieft.